Archiv für den Monat Oktober 2013

Backyard Brains. Oder Tierexperimente im Kinderzimmer

Wer schon immer seinen Kindern ein Neurobiologie Experimentierset schenken wollte, kann das nun tun: inklusive echter Schabe und Anleitung dazu, ihr ein Bein abzuschneiden und Elektroden hineinzustecken oder sie zu präparieren und per Handy fernzusteuern. Die Verkäufer dieser Sets (backyardbrains.com) begründen Ihre Erfindungen damit, dass Hirnforschung wichtig sei – leiden doch 20% der Weltbevölkerung an neurologischen Erkrankungen: „… and there are no cures!“ Wir sollten also schleunigst mehr über das Gehirn in Erfahrung bringen. Warum nicht im Kinderzimmer damit beginnen und warum nicht Insekten dafür verwenden?
Greg Gage führt eines der Experimente (Cockroach Beatbox) u.a. auf TED vor und schafft es, die zuschauenden Kinder (alles zukünftige Backyard Experimentierer!) damit zu fesseln, dass er das abgeschnittene und mit Elektroden bestückte Schabenbein zum Rythmus eines Beatboxers tanzen lässt. Inzwischen taut die zur Amputation in Eiswasser lahmgelegte Schabe wahrscheinlich langsam wieder auf (nicht im Bild). Auch der (anfängliche) Schrecken der Kinder wird nur kurz gezeigt und am Ende weggelacht und wegapplaudiert.
Die RoboRoach, für die sich tatsächlich genügend mitfinanzierende Kickstarter fanden, wird so beworben: „Have you ever wanted to walk down the hall of your school or department with your own remote controlled cockroach?“ Welcher pubertierende Teenager sagt da nein, wenn es erst einmal hip geworden ist, ein solches Haustierchen mit in die Highschool zu bringen? RoboRoach ist „the world’s first commercially available cyborg! With our RoboRoach you can briefly wirelessly control the left/right movement of a cockroach by microstimulation of the antenna nerves. The RoboRoach is a great way to learn about neurotechnology, learning, and electronics!“
Was es aus ethischer Sicht außerdem ist: eine unnötige Schadenszufügung durch Laien – mehr noch, durch Kinder. Ein Schuss in den Rücken für jeden Wissenschaftler und Pädagogen, der zukünftige Generationen in einem ethisch vertretbaren Umgang mit Tieren unterstützen möchte. Die Forschung ist zwar nicht neu (das Argument mit der angeblich besonders bedeutenden Hirnforschung auch nicht)- die Vermarktung allerdings schon. Was kommt als nächstes? Das Kinderzimmerexperiment mit dem Meerschweinchen oder Familienhund? Sicherlich schafft die Botschaft „Lustige Tierexperimente zum Selbermachen“ neue Qualitäten in der Diskussion um die ethische Vertretbarkeit von Tierversuchen.

Kommentar: Judith Benz-Schwarzburg

https://www.backyardbrains.com/
Siehe auch einen darauf Bezug nehmenden Artikel im Österreichischen „Standard“: http://derstandard.at/1381368566698/Eine-echte-Schabe-zum-Fernsteuern

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Spüren Fische Schmerzen?

Die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) hat zu diesem Thema zwei Gutachten angefordert, eines aus der Biologie, eines aus der Philosophie. Beide stimmen darüber überein, dass Fische Schmerzen spüren.

Aus biologischer Sicht ist nach Helmit Segner die Datenlage relativ eindeutig, da das einzige Datum gegen ein Schmerzzuschreibung der fehlende Neokortex ist. Da es aber genügend andere Daten zu Berücksichtigen gibt, aber genügend Homologien zum neuronalen Korrelat von Schmerzen im Menschen gibt, ist die Schlussfolgerung, dass Fische in der Lage sind, Schmerzen zu spüren:“In conclusion, the overall balance of evidence from the available published information indicates that fish or at least some fish species have the capability to experience pain.“ (Segner, p. 78)

Der Philosoph Markus Wild geht auf über 150 Seiten äußerst detailliert auf die Gründe ein, Fischen Schmerzfähigkeit zuzuweisen, und lehnt alle äußerst begründet, extrem klar, und ausreichend detailliert ab. Beide Gutachten lassen wenig Spielraum für Gegner der Schmerzempfindlichkeit von Fischen, und weißen zudem auf die beträchtlichen ethischen Auswirkungen dieser Erkenntnis hin: Ein Großteil des Fischfangs und -konsums, der Fischzucht -verarbeitung, und -haltung wären demnach nicht moralisch zu rechtfertigen.

Beide Gutachten sind frei als Download erhältlich.

Das biologische Gutachten von Helmut Segner findet sich hier (englische Sprache):
http://www.ekah.admin.ch/fileadmin/ekah-dateien/dokumentation/publikationen/EKAH_Band_9_Fish__Englisch__V2_GzA.pdf

Das philosophische Gutachten von Markus Wild findest sich hier (auf deutsch):
http://www.ekah.admin.ch/fileadmin/ekah-dateien/dokumentation/publikationen/EKAH_Band_10_Fische_Inhalt_V2_Web.pdf

Sommerschule in Wien: Humans/Animals. A Contested Boundary. 7. –18. July 2014

What are our cultural, ethical, biological, and historical relationships to the non-human animals that inhabit the planet with us? How have our perceptions of the similarities and differences between humans and animals changed over time, and what lies ahead? Claude Lévi-Strauss’s famous observation that “animals are good to think with“ becomes ever more potent when viewed in terms of the different ways that the human/animal boundary has been constructed in different socio-historical contexts. This course will engage with historical, philosophical, political and sociological dimensions of human-animal interactions as well as the epistemology of the sciences used to study animals.

Specific Topics:

The human-animal boundary from Descartes to Darwin to the present
Anthropomorphism
The study of animal behavior
Animals in institutions (zoos and labs)
Wild animals, domestic animals, pets and vermin
Diseases crossing the human-animal boundary
Humans and other primates
Aggression, gender, sexuality, and parenting in animals and humans
Archaezoology
Teaching courses in human-animal interactions

Mit: Richard Burkhardt (University of Illinois)
Susan Jones (University of Minnesota)
Georgina Montgomery (Michigan State University)

Homepage der Konferenz: http://www.univie.ac.at/ivc/VISU/

Human-Animal-Studies Konferenz in Innsbruck: 6.-8. Februar 2014

Die Universität Innsbruck veranstaltet vom 6. – 8. Februar 2014 erstmalig eine internationale Konferenz zum Thema Human-Animal Studies.

Die Human-Animal Studies sind ein junges, boomendes interdisziplinäres Forschungsfeld, das die Tier-Mensch Beziehungen als zentralen Ausgangspunkt seines Forschungsinteresses nimmt. In Anbetracht der historisch, kulturell, aber auch innergesellschaftlich sehr heterogenen, ambivalenten und wider-sprüchlichen Beziehungsformen stellt sich die Frage nach der Bedeutung „des Tiers“ und der Tier-Mensch-Beziehungen für die Human-, Geistes- und Sozialwissenschaften.

Wie schon andere akademische Felder im Gefolge progressiver sozialer Bewegungen (Menschenrechts-, Frauen- und Umweltbewegung) entstanden sind, entwickelten sich diese wissenschaftlichen Bemühungen parallel zur Tierrechtsbewegung. Dabei geht es nicht nur darum, Tiere in den akademischen Bereich zu integrieren, sondern sie auch in einer qualitativ anderen Art zu konzeptualisieren, indem sie als Lebewesen mit eigenen Erfahrungen und Interessen behandelt werden, und die kritische Auseinandersetzung mit dem Missbrauch und der Ausbeutung von nicht-menschlichen Tieren zu fördern. Während ethische Anliegen häufig als unvereinbar mit wissenschaftlicher Objektivität gesehen werden, will diese Konferenz die Gegenüberstellung von Theorie und Praxis, Wissenschaft und Bürgerschaft überbrücken, um Philosophie (im weitesten Sinne) wieder zu einer treibenden Kraft für Veränderung zu machen.

Folgende Themenfelder sind durch eigene Sektionen vertreten:

Das Tier in den Erziehungswissenschaften (Leitung: Reingard Spannring)

Das Tier in der Sprache (Leitung: Reinhard Heuberger)

Das Tier in Literatur und Medien (Leitung: Gabriela Kompatscher, Max Siller)

Das Tier in Philosophie und Religion (Leitung: Andreas Oberprantacher)

Das Tier in Geschichte und Recht (Leitung: Alejandro Boucabeille)

Das Tier in Sozialwissenschaften und Gender Studies (Leitung: Karin Schachinger)

Call for Paper: http://www.uibk.ac.at/news/has/call_has_innsbruck_deutsch.pdf

3rd EU Conference for Critical Animal Studies – Programm & Registrierung

Das Programm der Critical Animal Studies Konferenz, die vom 28. bis 30. November 2013 in Karlsruhe stattfindet, ist seit kurzem online. Ab sofort ist auch die Registrierung für die Konferenz freigeschaltet.
Neben Vorträgen zum Schwerpunkthema „Technoscientific Developments and Critical Animal Studies“ wird es weitere interdisziplinäre Sessions geben. Außerdem gibt es zwei Diskussionsrunden zu den Themen „Towards the end of animal experiments: CAS in conversation with other positions“ und „Politics of Nature.“ Am ersten Abend wird der Film „Maximum tolerated dose“ von Karol Orzechowski gezeigt. Begleitet wird die Konferenz von einer Kunstausstellung von Hartmut Kiewert. Hier geht es zur Veranstaltungsseite mit allen weiteren Infos.

Hans-Johann Glock: Why Animals Matter

Organised by the Royal Institute of Philosophybranch at Oxford Brookes University
in association with the Ashmolean Museum, Oxford& Bloomsbury AcademicWednesday October 16 2013, 6pm
Ashmolean Museum Education Centre (St Giles Entrance)

Abstract

Non-human animals (henceforth simply ‘animals’) have played a central role within Western thought at least since ancient Greece. The reason is three-fold. First, there is the ethical question of how we should treat animals—the topic of animal welfare. Secondly, there is the anthropological question of whether there are fundamental differences between humans and animals—the topic of the ‘anthropological difference’. Thirdly, there is the question of whether some animals have mental capacities comparable to those of humans? These questions are both complex and vexed. They have exercised philosophers, scientists, theologians, lawyers, politicians artists and laypeople at least since antiquity. At present they treated intensively from a variety of perspectives in subjects ranging from evolutionary biology and neurophysiology through ethology, psychology and linguistics to the philosophy of mind and language. They are also prominent in the wider public sphere, on account of their moral, political and legal implications. I shall try to clarify the issues by discussing the relation between the three questions. On the one hand, both the problem of animal welfare and the problem of the anthropological difference refer to the problem of animal minds. On the other hand, even if the mental differences between us and some higher animals (e.g. apes and dolphins) are not as clear-cut and pronounced as traditionally assumed, there may still be qualitative differences between us and them, and our moral obligations towards other humans may still be of a different order than our moral obligations towards animals.

Hans-Johann Glock is Professor of Philosophy at the University of Zurich (Switzerland), and Visiting Professor at the University of Reading (UK). He previously held positions at Oxford and Reading, as well as visiting professorships and research fellowships in Canada, Germany and South Africa. He is the author ofA Wittgenstein Dictionary (Blackwell 1996), Quine and Davidson on language, thought and reality (CUP 2003), La mente de los animals (KRK 2009) and What is Analytic Philosophy? (CUP 2008). He has edited The Rise of Analytic Philosophy(Blackwell 1997), Wittgenstein: a Critical Reader (Blackwell 2001) and Strawson and Kant (OUP 2003), and co-edited (with Robert L. Arrington) Wittgenstein’s Philosophical Investigations (Routledge 1991), Wittgenstein and Quine (Routledge 1996) and (with John Hyman) Wittgenstein and Analytic Philosophy (OUP 2009). He has published numerous articles on the philosophy of language, the philosophy of mind, the history of analytic philosophy and Wittgenstein. Currently he is working on a book on animal minds.